Kinder verstehen. Teil 1: Warum sind Kinder laut?

Das Leben ist nicht vorbei, wenn ein Kind in selbiges tritt. Ändern tut sich aber einiges.

Baby trommelt
So kann Baby auch Krach machen

Wenn Kinder ganz klein sind, dürfen sie noch an unserem „alten Leben“ teilhaben, mit ins Restaurant, in die Stadt und auf Reisen kommen. Sie schlafen viel, bewegen sich kaum, werden überall als süß akzeptiert, auch – oder gerade wenn – sie heulen.

Sobald sie nicht mehr eine Einheit mit Mama bilden und Forderungen stellen, die über Flasche, Wickeln, Schlafen hinausgehen, gelten sie als Störenfriede. Langeweile oder fehlende Aufmerksamkeit sind Dinge, die in der Öffentlichkeit nicht als Mangel akzeptiert werden. Also bleiben die Kleinen zuhause oder gehen nur noch in Mutter-Kind-Cafés, werden möglichst mit Auto statt Bus kutschiert und übernachten im Baby-Hotel. Das Angebot ist ja da.

Und wenn ein paar Jahre ins Land gegangen sind, sollen Kinder einfach so wissen, mit Langeweile und Öffentlichkeit umzugehen? – Nein, das will gelernt sein.

Ich habe mit meiner lieben Freundin C. darüber gesprochen, die selbst Mutter eines sechs Monate alten Mädchens und außerdem eine staatlich anerkannte Erzieherin ist. Ich habe auch selbst etwas nachrecherchiert.

Das Thema ist unglaublich spannend uferlos, seht es mir also bitte nach, wenn ich es nur anschneiden kann. Ich freue mich ergänzend über eure Kommentare.


Im ersten Teil gehen wir der Frage nach: „Warum sind Kinder so laut? “

Kinder sollen sich benehmen können, oder es zumindest lernen.

Alltagssituationen wie Essen gehen und Bus fahren sind für viele Kinder – und deren Eltern – mit Stress verbunden.

mutter und kind
Kein Grund zum Heulen: Mama C. ist da und der Bauch ist voll

Bei Babys wird Heulen in der Öffentlichkeit hingenommen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse kundzutun. Sobald ein Kind laufen kann, sieht die Sache schon anders aus – obwohl die Bedürfnisse vielleicht dieselben sind. Du weißt als Außenstehender fast nie, warum ein Kind losbrüllt. Ist es ein Protestschrei wegen verweigerter Süßigkeiten, hat es Schmerzen oder ist es einfach durcheinander, weil es schlecht geschlafen hat?

Warum kleine Babys schreien, muss ich nicht lange erklären: Wer sich nicht rührt, der wird vom Tiger gefressen. Wenn der Tragling (Mensch, Primaten) beispielsweise im Kinderwagen liegt statt bei Mama. Die Nestflüchter (Pferd, Reh) müssen selbst ihr Glück versuchen. Und die Nesthocker (Vogel, Hund) verstecken sich lieber gleich ganz.

Stimme ausprobieren

Im dritten bis sechsten Monat testen Babys hohe und tiefe Geräusche, laute und leise. Das intensiviert sich in den darauffolgenden Monaten und kann auch über den ersten Geburtstag hinausgehen. Gebt in eine Suchmaschine mal so etwas ein wie „Baby quietscht laut“. Bei netmoms, eltern, gofeminin und Co. kommen genügend Foreneinträge von verzweifelten Eltern, die es schon nicht mehr aushalten. Im Normalfall ist das Quietschen und Lallen süß. Auch bei meinem kleinen Mann hält es sich aktuell in diesem Rahmen. Ich verstehe aber, wenn bei machen Menschen irgendwann die Nerven blank gequietscht sind.

Nicht nur die eigene Stimme ist toll:  Wenn Babys mit Hilfsmitteln ein Geräusch erzeugen, ist das ein echter Triumph. Das funktioniert bei Erwachsenen auch noch: Durch Sounds im Handyspiel wird das Belohnungszentrum aktiviert.

Das Kindchenschema schützt am Anfang noch vor bösen Blicken in Bus und Supermarkt. Deutschland und andere Länder unterscheiden sich aber ganz klar darin, was Kinder „dürfen“ und was nicht.


Entwicklung der Persönlichkeit

Die lieben Kleinen werden mit den Jahren nicht leiser. Mit zwei, drei Jahren beginnen sie, miteinander zu spielen.

Hier habe ich einen Artikel von 2014 gefunden, in dem eine Logopädin zu Wort kommt: Artikel Darum müssen Kinder laut sein Sie stellt klar, dass Kleinkinder und Kinder im Spiel lernen, in einer Gruppe zurechtzukommen und sich zu behaupten. Das (laute) Spielen ist Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Und der Lautstärkeregler geht bei Jungs oft höher als bei Mädels. (Na, da freu ich mich doch …)

Wenn Kinder älter werden, so mit sieben oder acht Jahren, haben sie eine Art Profilierungsphase. Sie fordern mit allen Mitteln Aufmerksamkeit: Sie reden lauter in der Öffentlichkeit oder brechen grundlos einen Streit mit den Eltern vom Zaun. Nach dem Motto: Hallo, ich bin da. Sie provozieren so lange, bis sie von allen wahrgenommen werden – natürlich gerade in der Öffentlichkeit. Das hat jeder schon mal im Bus oder Zug beobachtet.

Dieses Verhalten ist für die Entwicklung wichtig: Wie werde ich wahr genommen, wie bekomme ich Aufmerksamkeit? Erwachsene fallen in diese Phase zurück, wenn sie verliebt sind, schließlich wollen auch sie bemerkt werden.

Für Eltern ist diese Profilierung besonders stressig. Schließlich stehen sie auch ungefragt auf der Bühne. Es gibt auch schon Hotels, die keine Kinder aufnehmen, weil sich die Erwachsenen durch sie gestört fühlen. Gebt in eine Suchmaschine mal „Hotels für Erwachsene“ ein – der Markt wächst täglich. Ich gebe ja selber zu, dass ich in keine expliziten Kinderhotels gehe, weil das für mich keine Erholung ist.


Lernen, Lautstärke zu modulieren

Muss man es also immer hinnehmen, wenn Kinder laut sind? Nein. Spätestens im Vorschulalter sind sie soweit, Sozialverhalten und Rücksichtnahme zu lernen.

Als ich erstmals eine Gruppe Hortkinder übernahm und mit ihnen einen Ausflug mit der S-Bahn machte, stürmten die Kinder einfach in den Wagen und es gab Chaos. Vor der Rückfahrt gab ich ihnen eine genaue Richtung an, wo sie sich in der Bahn hinzusetzen hatten. Beim nächsten Ausflug haben wir schon vor dem Weg zum Bahnhof die drei wichtigsten Punkte besprochen: Erstens, dass ich bestimme, was passiert und alle darauf zu hören haben. Zweitens, Sicherheit geht vor. Drittens, Rücksichtnahme auf andere Fahrgäste. Denn nicht jeder findet große Gruppen von Kindern toll.

Kinder wollen klare Ansagen. Man kann als Erwachsener durchaus streng und lustig zugleich sein. 

In einem Artikel habe ich gelesen, dass man die Regulierung der Lautstärke auch üben kann, indem man zum Beispiel Flüsterspiele mit seinem Kind spielt. Und indem man ihm an anderer Stelle genug Zeit und Raum lässt, sich auszutoben.

In wenigen Fällen ist es einfach so, dass Kinder laut reden, weil sie schlecht hören. Dann ab zum HNO-Doktor und Daumen drücken.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Grünle sagt:

    Wow, so toll, fast schon wissenschaftlich erklärt hab ich das noch nie gelesen oder gehört. Bist du Journalistin oder so? Spitze diese Ergänzungen zu deiner eigenen Erfahrung. Ich gebe ja zu, bei uns war es irgendwann nur noch das Ferienhaus in Dänemark, das für einen mehr oder weniger entspannten Urlaub in Frage kam. Haben allerdings fünf, also Full House. Allerdings sind wir auch dort ab und an Essen gegangen und irgendwie hat es geklappt. Wir hatten immer was zum Malen oder Lesen dabei und uns während der Warterei mit Geplauder die Zeit vertrieben. Am beliebtesten waren die Geschichten, in denen mein Mann erzählte wie/woher das Essen auf den Teller kommt. Meist waren seine Kartoffeln in der Geschichte gerade mal gewaschen und der Fisch hatte noch einen Kopf und keine Stäbchenform, da kam unsere Bestellung.
    Auch beim Zug fahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die mit ihrem Mitteilungsbedürfnis ernst genommen werden, ganz gut durchhalten. Ständig reinquatschen geht genau so wenig wie ein „Jaja“ mit abwesendem Blick.

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    1. Hauptsache ist, es funktioniert und alle sind glücklich 🙂

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