Gastbeitrag: Radlfahrn mit Kind auf Holländisch

Der folgende Beitrag übers Fahrradfahren mit Kind, niederländische Gepflogenheiten und spannendes Zubehör für den Drahtesel kommt von Kristine von „Importkaaskop„. Kristine (30 plus irgendwas) lebt seit über 10 Jahren mitten unter unseren  niederländischen Nachbarn – daher der Name ihres Blogs: kaaskop heißt nämlich Holländer (>Namensherkunft).

Liebe Kristine, vielen Dank für deine Erfahrungen und Einblicke!

Kristine.jpg„Fahrräder“ gehört wohl auf jeden Fall zu den ersten Dingen, die einem zu Holland einfallen. Holländer werden schließlich quasi mit dem Sattel unterm A…, äh, Po geboren und sogar ich als Importkaaskop habe mehr als ein Fahrrad. Der kleine Kaaskop hat mit seinen viereinhalb Jahren zu Beginn der Sommerferien auch bereits sein zweites Fahrrad bekommen, weil das kleine Rote mit den Stützrädern, das er zum dritten Geburtstag bekommen hatte, zu klein geworden war. Seit kurzer Zeit nach seinem vierten Geburtstag fährt der kleine Kaaskop ohne Stützräder, und dieser Familienmoment Nr. 19  markierte das Ende der Ära Kinderfahrradsitz.

importkaaskop Gastbeitrag bei lifeiantover Fahrradkindersitz
Wer hat das schon auf deutschen Straßen gesehen? Ein Maxi Cosi auf dem Fahrradgepäckträger! Das funktioniert wohl nur auf dem robusten Hollandrad. 🙂

Ära klingt jetzt vielleicht etwas übertrieben, aber der kleine Kaaskop wird tatsächlich schon mit dem Fahrrad transportiert, seit er sechs Monate alt war! Hier in Holland gibt es nur 13 Wochen Elternzeit (unbezahlt obendrein) und da ich meinen Job nicht aufgeben wollte, kam mein Sohn schon mit knapp sechs Monaten für drei Tage die Woche in die Kita.

Aus Zeitspargründen und mangels Auto übernahm ich von Freunden einen speziellen MaxiCosi-Träger, den man hinten auf dem Gepäckträger befestigt. Keine Sorge, alles technisch geprüft und zugelassen! Das Fahrgefühl ist aber eher “zweirädriger Lastwagen”- zum Glück war der Weg zur Kita kurz.

Als der kleine Kaaskop selbständig sitzen konnte, kauften der große Kaaskop und ich einen Kinderfahrradsitz. Eigentlich wollten wir, obwohl Lenkersitze hier das Standard-Einstiegsmodell sind, gleich einen Sitz für hinten kaufen, weil beide Modelle für Kinder ab neun Monate geeignet sind und wir nicht unnötig Geld ausgeben wollten. Außerdem dachte ich, dass ein Lenkersitz das Fahrverhalten zu sehr beeinträchtigt. Aber das stimmt nicht!

Weil der Sitz nämlich zwischen Fahrer und Lenker hängt (und nicht wie ein Fahrradkorb vorne vor dem Lenker), spürt man das zusätzliche Gewicht kaum. Nachdem der kleine Kaaskop in dem Modell für hinten Probe gesessen hatte, waren wir vollends überzeugt von dem Lenkersitz, denn der war für seine Körpergröße einfach viel passender! Nur beim Aufsteigen musste ich mich umgewöhnen, weil man mit einem Kindersitz zwischen Sattel und Lenker keinen Platz hat, um sich nach dem Runtertreten der Pedale auf den Sattel zu schwingen. Dabei kommt der Oberkörper nämlich zu weit nach vorne. Also erst Popo auf den Sattel schieben (der sollte aus Sicherheitsgründen besser eh so weit nach unten, dass man beim Sitzen mit beiden Füßen auf den Boden reicht) und zum Losfahren ein Pedal kräftig nach unten treten.

YeppMini und Maxi2
Fahrradsitz vorne und hinten. Da muss Mama ordentlich in die Pedale treten!

Hier in Holland gibt es zwei große Kinderfahrradsitzmarken: BoBike und Yepp. Weil das damalige BoBike-Modell ein abnehmbares nicht ganz regenfestes Sitzpolster hatte, haben wir uns für einen Yepp Mini entschieden.

Für Leute, die die eher klobigen deutschen Fahrradkindersitze gewöhnt sind, mag der Yepp etwas futuristisch erscheinen, aber mir gefällt er! Das Material ist regenfest, bequem und leicht zu reinigen. Es gibt den Sitz in vielen verschiedenen Farben, und man kann ihn mit Accessoires, zum Beispiel Windschirm, Buchstabenaufkleber, individuell gestalten. Da der große Kaaskop und ich aber persönlich keinen Firlefanz mögen, gab es für den kleinen Kaaskop nur das Basismodell, ohne Windschutz. – Die Entscheidung gegen den Windschutz habe ich nur ein einziges Mal bereut: als ich mal bei -9° C zur Kita geradelt bin. – Der einzige Nachteil ist, dass sich die Gurtlänge nur mühsam verstellen lässt. Und wenn man wie ich einen Gepäckträger vorne hat, kann man die Fußstützen nicht ganz nach unten stellen. Das, und dass ich mit meinen 1,65 Meter irgendwann nicht mehr gut genug über den Kopf des kleinen Kaaskop gucken konnte, war der Hauptgrund, weswegen wir recht früh auf einen Sitz für hinten umgestiegen sind. Sonst wäre ich am liebsten ewig (beziehungsweise bis zum maximal zulässigen Gewicht von 15 kg) mit meinem Kind vor mir weitergeradelt, weil das einfach viiiiiel gezelliger ist als mit dem Kind hinter sich! Man muss nur aufpassen, dass das Kind die Handbremse nicht entdeckt – zum Glück fuhr damals gerade niemand hinter uns, haha!

Auch beim Kinderfahrradsitz für hinten sind wieder Marke Yepp treu geblieben, und als der kleine Kaaskop dafür auch zu groß (beziehungsweise zu lang) wurde und die Fußstützen und Schultergurte ihr Limit erreicht hatten, haben wir einen gebrauchten Yepp Junior gekauft. YeppJunior.jpgDer hat nur einen einfachen Hüftgurt und hochklappbare Fußstreben. Ich vermute, dass dieser Sitz und der hier in Holland ebenfalls beliebte Kindersattel zur Befestigung am Rahmen des Elternfahrrads in Deutschland nicht erlaubt sind.

Aber andere Länder, andere Sitten – und andere Fahrradkindersitze! Ich war mit unseren jedenfalls sehr zufrieden.

Viele Grüße aus Holland!
Und wie läuft es bei Junior und mir in München?  https://lifeaintover.de/2016/08/11/ausstattung-fuers-fahrrad-fahren-mit-kleinkind/

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Barnie. sagt:

    Respekt! Auch ich bin mit zwei Kindern schon Rad gefahren (eines vorne, eines hinten drauf), es gibt nichts schöneres. Aber der verlängerte Gepäckträger- echt klasse! Praktischer als mein Rucksack, an dem mein hinters Kind immer rumfummelte auf der Suche nach was Naschbarem.
    Berge und Gegenwind sind allerdings unerwünscht und großräumig zu umfahren. 🙂
    Wie schaffst du es, dass dein Vorderrad beim Parken nicht umschlägt? Meines hing immer in der Luft und drehte sich, bis ich mir einen Lenkungsdämpfer montierte.
    Mit 4 Jahren schon ohne Stützräder? Toll! So wachsen Tour-de-France-Sieger heran. Wir waren froh, als wenigstens zum Schulbeginn die Stützen weg waren und auch wegblieben.

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    1. Hallo Barnie! Berge mag ich auch nicht, mein Rad hat nur 3 Gänge. Mehr braucht man hier in Holland aber eigentlich auch nicht. Und vollbeladen (Kind, Einkäufe, Rucksack) fahre ich nur kurze Strecken.
      An meinem Rad ist ein sogenanntes „stuurslot“ (wörtlich: Lenkerschloss). Ein Ring quasi, den ich nur nach links drehen muss, um den Lenker in der geraden Position zu fixieren. Der ist soweit ich weiß standardmäßig an den offiziellen „Mamarädern“ dran, genau wie der Doppelständer.
      Viele Grüße aus Holland!

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      1. Barnie. sagt:

        hallo,
        danke für deine Antwort! Solche „Feststellschlösser“ kenne ich in Dtld. leider nicht, nur als Absperrsicherung bei Mofas und Motorrädern. Aber ein interessantes Detail! Was Berge betrifft: Hier hätte ich manchmal gerne noch mehr als 30 Gänge, und Pedelec lehne ich aus „ideologischen“ Gründen ab :-), ich möchte aus eigener Kraft ans Ziel gelangen (Soviel Sport muss sein).

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      2. Ich glaube, das ist eine Kultur-/Mentalitätsfrage: Soll das Fahrrad ein Sportgerät oder ein Transportmittel sein? Vielleicht würden weniger Autos rumfahren, wenn das Radeln einfacher wäre.

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      3. Da hat Andrea Recht: Sport ist Radfahren hier in Holland nur mit dem Rennrad.
        So genau kenne ich mich mit E-Bikes ja nicht aus, aber ich kann dir aus eigener Erfahrung versichern, dass man auf einem normalen Elektrorad (also nicht die schnellen „echten“ Pedelecs von der S-Klasse) nicht nur die Beine bewegt. Ich benutze zurzeit das Elektrorad meines Mannes, weil ich 4mal in der Woche mit dem Rad 11,6 km zur Arbeit fahre und ich etwas schneller und weniger verschwitzt (das wär nicht schön für die Kollegen im Großraumbüro!) ankommen möchte. Ich stelle immer die niedrigste der drei Stufen ein und dann bin ich zwar schneller, aber ohne Treten geht da nix und ich spüre bei Ankunft auch in den Beinen, dass ich so weit geradelt bin. Wind ist hierzulande ja auch immer da und meistens kommt er von vorne…. Deshalb wird das E-Bike hier jetzt auch bei Jugendlichen immer beliebter: die müssen oft auch an die 10km zur weiterführenden Schule radeln, weil es die nicht in jedem Dorf gibt und die Eltern weder Lust noch Zeit haben, sie im Auto hinzufahren.

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  2. Gruenle sagt:

    Wow! Ich will auch in Holland Rad fahren. Klingt echt so als ob das das Selbstverstaendlichste der Welt ist. Eine Frage nur: was wiegt denn so ein Hollandrad mit Sitz(en) und Gepaecktraeger usw. Da krieg ich als Mittelgebirglerin ja schon Konditionsprobleme beim Bilder ansehen. Also auch von mir ein „chapeau“.

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    1. Hallo Gruenle, ich habe leider keine Ahnung, was mein Rad so wiegt, aber es ist wegen des besonders stabilen Rahmens schon etwas schwerer als ein normales Fahrrad, auch durch den zusätzlichen Gepäckträger vorne. Aber die gute Nachricht ist: es gibt solche Fahrräder mittlerweile auch schon als Elektrofahrrad mit unauffälligem Motor 😉 Und die Holländerinnen sind wohl auch für ihre kräftigen Waden bekannt, dachte ich, haha! Obwohl es hier so schön flach ist.
      Viele Grüße!

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